Eines Nachts wurden vier Rabbiner von einem Engel besucht, der sie aufweckte und auf seinen Schwingen in die Siebente Kammer des Siebenten Himmels trug. Dort erblickten die vier das Heilige Rad von Hesekiel mit eigenen Augen.
Auf dem Rückweg zur Erde jedoch verlor der erste Rabbiner seinen Verstand, denn sein Geist war dermaßen von dem göttlichen Glanz geblendet worden, dass er fortan nur noch brabbelnd durch die Lande irrte.
Der zweite Rabbiner zeigte sich unbeeindruckt und verleugnete ganz einfach, was er im Siebenten Himmel gesehen hatte. Er winkte nur ab und sagte: „Ach was, das haben wir bloß geträumt!“
Der dritte Rabbiner wurde fanatisch. Er hielt überall Vorträge über Sinn und Bedeutung und Bedeutung seines Erlebnisses und stritt sich mit anderen Gelehrten.
Aber der vierte Rabbiner wurde zum Dichter. Er setzte sich ans Fenster seiner Kammer und verfasste ein Danklied nach dem anderen über die Tauben im Kirschbaum, die kleine Tochter in der Wiege und alle Sterne in der Nacht. Er als einziger konnte sein Glück ertragen.
(aus Die Wolfsfrau )
8 Kommentare
27. September 2008 um 22:59
Danke für dies nette Anekdötchen
ich bin ganz baff und geb das Pfötchen
24. Januar 2009 um 13:34
Liebe Rotegraefin,
das gefällt mir gut.
Nicht nur weil ich Clarissa Pinkola Estés seit dem Lesen dieses Buches verehre, sondern auch weil ich das Gleichnis toll finde.
Den ersten Rabbiner möchte ich nicht weiter kommentieren.
Der zweite Rabbiner ist mir unverständlich, obwohl ich glaube, dass er für weite Teile der Menschheit (inkl. der mitteleuropäischen Bevölkerung) repräsentativ ist.
Den dritten Rabbiner verstehe ich.
Der vierte Rabbiner ist mir sympathisch.
Immer nur Lyrik zu schreiben ist mir einfach zu langweilig gfg So titsche ich vergnügt zwischen allen vieren hin und her und weiß das alles nur ein Göttliches Spiel ist. Danke für diesen Kommentar
13. April 2009 um 11:32
http://botschaftneukoelln.wordpress.com/2009/03/01/dunkelheit-und-horizonte/
4. Mai 2009 um 13:08
Auch die vier Rabbiner haben hier ihre Freude
2. Juni 2009 um 03:45
Schöne Geschichte! Allerdings fehlt noch eine fünfte Möglichkeit, nämlich (s)ein Glück still zu ertragen.
4. Juni 2009 um 11:08
Das verstehe ich nicht, warum darf ich mein Glück nicht laut hinaus jubeln? Es gibt doch genug Leute, die so neidisch sind und nichts besseres zu tun haben, um es einem ganz schnell wieder zu vermiesen.
4. Juni 2009 um 18:41
Natürlich darf jede(r) mit seinem/ihrem Glück umgehen, wie sie/er will, aber ich wollte die Möglichkeit des stillen Genießens der Vollständigkeit halber ergänzen. Ist mir jedenfalls lieber, als daran verrückt zu werden!
4. Juni 2009 um 19:58
Aber da stand doch die Möglichkeit, das einer Liebesgedichte schrieb und sein Glück aushalten konnte. Wenn ich mich geliebt weiß kann ich mak still sitzen und genießen und dann brauch ich wieder Bewegung. Ich brauch den Wechsel.