Hilflose Helfer

18.08.2008 00:27

Der Mensch kann nicht in einem einzelnen Lebensbereich Recht tun, während er in irgend einem anderen Unrecht tut. Das Leben ist ein unteilbares Ganzes.
Mahatma Gandhi (*1869, +1948
)
Sehr geehrter Herr P,
sehr geehrter Herr H,
am 30.7.08 begleitete ich eine Frau (Migrantin) mit Mietschulden zum Amt für Arbeit und Soziales. Sie Herr P, ein freundlicher und wie es scheint ein engagierter junger Mann, hatten alle 20 oder waren es 30 Minuten an diesem Tag Leute zu sich bestellt. Sie fragten die Frau danach was sich geändert habe und nahmen einen neuen Antrag auf. Bei den Mietschulden zogen sie ein Papier raus und wiesen die Frau darauf hin, dass sie alle Tätigkeiten ihres Mannes angeben müsse. Bei den Mietschulden könnten Sie nichts machen. Sie haben der Familie auch einen Bescheid geschickt, in der Sie sie aufgefordert haben, die Miete selber an den Vermieter zu überweisen. Sie betonten noch, wenn  Sie jetzt feststellten, dass die Miete nicht überwiesen wird, müssten  Sie dies tun. Sie wären zu jedem freundlich der es zu  Ihnen auch sei.
Ich vertraute darauf, dass die Schuldnerberatung helfen könnte und ging noch am gleichen Tag mit den Eheleuten zum Caritasverband und wir bekamen einen Termin für Montag den 11. Aug.08. um 11.30Uhr. Auf diesem Weg erfuhr ich, dass die Frau nicht lesen kann und der Mann auch nicht sehr gut Deutsch versteht. Die Frau ist seit ca. 12 Jahren in Deutschland. Der Mann erst seit ca 5 Jahren.Die Frau rief mich vor dem Termin an und fragte, ob ich sie abholen könne. Als ich meinte sie könne doch selber kommen.  Ich in der Nähe des Caritasverbandes wohne, und wer mir die Benzinkosten bezahlen würde war klar dass sie selber kommen wird. Ich dachte noch: „Vor Rehen wird gewarnt:“

Herr H, Sie gaben uns die Ehre eine Viertelstunde zu warten. Die Frau war mit dem Bus gekommen, für den sie 2,20 € eine Fahrt bezahlt hatte. Der Bus fährt nur zur vollen Stunde. Das Gespräch (unter Beratung verstehe ich etwas anderes) bei Ihnen dauerte gerade solange, dass der Bus genau kurz vorher abgefahren war. „Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige.“ Dieser Spruch scheint bei Ihnen nicht bekannt zu sein. Zumal ich feststellen konnte, dass uns lediglich eine Kollegin zum Gespräch aufgerufen hat. Haben Sie mit der über die Zeit gesprochen? Konnte das Gespräch nicht auf einen anderen Zeitpunkt verschoben werden? Wieviel Würde und Rücksichtnahme verdient bei Ihnen eine neue und unbekannte Klientin?

Herr H, Sie hatten keine Frage an die Frau. Wie kommt das? Haben Sie kein Interesse daran zu erfahren, was Sie für die Frau tun können? Was Ihr Anliegen ist? Wie verstehen Sie Ihre Rolle als Schuldnerberater? Sozialarbeiter sind Sie auch noch, wie Sie mir freundlich bestätigten. Ich glaube, ab da habe ich angefangen innerlich zu kochen.

Herr H, Sie schauten sich die Unterlagen der Frau an . Stellten fest, dass der Vermieter ja  erst nach vier Monaten eine Mahnung geschickt habe. Er hätte ja schon nach zwei Monaten fristlos kündigen können. Da hätte der Vermieter offensichtlich kein Interesse dran.  Die Hilflosigkeit der Frau übersahen Sie ganz offensichtlich. Keine Frage an die Frau, warum die Miete nicht bezahlt wurde. Auch keine Frage, warum die Frau nicht lesen kann! Lediglich gute Ermahnungen, wenn der Vermieter jetzt 200 € monatlich als Rückzahlung verlangt, dann sollte die Frau dies auch leisten, sonst würde sie sich unglaubwürdig machen. Ich kitzelte noch aus der Frau die Erwartung heraus, dass sie bei Ihnen Geld bekommen könne. Meine Frage an Sie ob Sie sich mit dem Vermieter in Verbindung setzen könnten, verneinten Sie mit der Begründung, das käme nicht gut an, beim Vermieter. (böswillige Phantasie gegenüber dem Vermieter) Meine Aufforderung, doch dann für die Familie einen Brief aufzusetzen für den Vermieter. Beantworteten Sie, dass Sie das selbstverständlich in drei Minuten tun könnten. Es aber viel sinnvoller wäre, wenn sich der Ehemann selber hinsetzen würde und in einer holperigen Weise etwas schreiben würde. Ich war sprachlos über diese vordergründig logische Argumentation und dachte noch Hilfe zur Selbsthilfe. Nicht schlecht! Ich bewundere Ihre Geschicklichkeit alle Verantwortung von sich abzuschieben und blind zu sein für die Tatsache, dass Sie von der Frau etwas verlangen, was Sie noch gar nicht kann. Sie haben mir ein gutes Beispiel dafür abgegeben, wie Sozialarbeit und Caritas nicht arbeiten darf. Desinteressiert!

Wenn ich jetzt noch in Betracht ziehe, dass mir Ihr werter Kollege Herr G vor 12 Jahren, als ich gerade angefangen habe mit der Sozialarbeit für die Asylbewerber, gesagt hat: „Sie haben einen Alibijob.“
Dann frage ich Sie? Welchen Job machen Sie? Sie sind Angestellter in einem Tendenzbetrieb. Caritas und der römischen Kirche, die ich seit einiger Zeit die allgemein Ausschließende und allein Unseligmachende nenne. Auch wenn das zur Zeit, Gott sei es geklagt so ist, haben Sie sich am Evangelium zu orientieren. Danach hat Gott den Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen und Gott wurde Mensch.  Wer oder was, um Himmelswillen, macht Sie dann so Verantwortungsscheu?  Fühlen Sie sich wohl in der Rolle des hilflosen Helfers?  Sie erklären mir rundheraus, dass Sie etwas tun können und dann warum sie es nicht tun! Bekommen Sie dafür Ihr Gehalt, dass Sie den Hilfesuchenden erklären, dass Sie keine Hilfe leisten?  Sind Sie deswegen Schuldnerberater geworden, um den Schuldnern  noch mehr aufzubürden?

Freundliches und männliches (oder soll ich sagen? teuflisches) Desinteresse habe ich bei Ihnen Herrn P. und bei Ihnen Herrn H. angetroffen.
Dies widerspricht  klar der Würde des Menschen und damit auch dem Auftrag des Evangeliums. Sie machen sich selber zum Sklaven einer unmenschlichen Idee, dass der Mensch für die Gesetze da zu sein hat und dem Geld zu dienen hat. Jeder aufgeklärte und human denkende Mensch weiß um die Tatsache, dass es umgekehrt sein muss. Warum handeln Sie nicht danach?
Bei mir weckt ein solches Verhalten Terrorgefühle, und ich kann jeden verstehen, der anfängt mit Bomben um sich zu schmeißen. Sind Sie zufrieden nach einer solchen Beratung? Das jüngste Gericht findet immer heute statt, deswegen heißt es ja auch so. Die Fragen setze ich als bekannt voraus. Die frohe Botschaft ist Gott sei’s geklagt in die Vergangenheit und auf einen St.Nimmerleinstag verschoben worden.  Diesen Irrglauben kann jeder Mensch in jedem Augenblick seines Lebens korrigieren. Das Reich  Gottes ist da und es ist in Ihnen. Da wo Ihre Zufriedenheit ist, ist auch das Reich Gottes. Macht es Sie zufrieden Menschen Befehle zu erteilen und /oder Ihre Aufgabe als Sozialarbeiter einfach nicht wahrzunehmen?

Herr P, Sie behandeln jeden freundlich der zu Ihnen freundlich ist.
Bitte nehmen  Sie sich mal  Ihre Bescheide vor und lesen Sie sie als ob, sie selber  Sie erhalten. Möchten Sie so angesprochen werden? Sie müssen, Sie müssen….? Wie wäre es mit der Formulierung: „Ich  benötige von Ihnen, um Sie selber und mich nicht in Schwierigkeiten zu bringen…..“ Ich weiß auch nicht ob Ihnen das GG geläufig ist und der Artikel  1 Die Würde des Menschen ist unantastbar? Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich kaum einer in dieser Gesellschaft darüber Gedanken macht, wo die Würde des Menschen anfängt und wo sie aufhört. Bei mir hört sie auf, wenn mir jemand sagt Du musst. Zwangsarbeit ist ja schließlich in der BRD abgeschafft.

Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass die meisten Frauen mit Migrantenhintergrund es so gewohnt sind, achtlos behandelt zu werden, dass sie sich lieber dem Druck beugen, als sich aufzurichten  und Selbstwertgefühl zu entwickeln oder zu zeigen.  Der Druck geht dann meistens  an die Kinder weiter und wir haben es mit weiterer gesellschaftlich bedingter Lähmung zu tun.

Herr P und Herr H, Sie haben beide gewußt, dass die Frau nicht lesen kann. Was haben sie unternommen, um der Frau klar zu machen, dass sie mit diesem Mangel unter ihrer Würde lebt? Wenn Sie nichts unternommen haben, warum nicht? Ist Ihnen eigentlich klar dass Sie mit dieser unterlassenen Hilfeleistung weiter zu der Verelendung in unserem Land beitragen?   Ist Ihnen Art. 6 Abs.4 GG unbekannt? „Jede Mutter  hat Anspruch auf den Schutz und die Fürsorge der Gemeinschaft“

Ich bitte Sie beide zu Bedenken, ohne die Existenz dieser Frau hätten Sie nicht diesen Job. Sie behandeln also Ihren Arbeitgeber ziemlich schlecht.

===========================================================
Wenn Du das Land in Ordnung bringen willst, musst Du die Provinzen in Ordnung bringen.
Wenn Du die Provinzen in Ordnung bringen willst, musst Du die Städte in Ordnung bringen.
Wenn Du die Städte in Ordnung bringen willst, musst Du die Familien in Ordnung bringen.
Wenn Du Deine eigene Familie in Ordnung bringen willst, musst Du Dich in Ordnung bringen. (Östliche Weisheit)
============================================================
Lach, wein, schrei und denk doch, Gott liebt dich vollständig und anders!
Gräfin
http://www.freiheitstattvollbeschaeftigung.de/index.htm

http://www.welt.de/hamburg/article2016340/Frauenrechtlerin_fordert_mehr_Mut_von_Deutschen.html
Verteiler: Caritas
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9 Kommentare

Eingeordnet unter Deutschland, Kommunikation, Leben Politik, Soziales

9 Antworten zu “Hilflose Helfer

  1. Da gebe ich dir Recht – Das ist nicht gut!

    MFGCS

  2. Ida

    und was ist gut? CrippLeD SaM

  3. artworkofhorus

    Unsere Gesellschaft besteht aus verschiedenen Gruppen. Migranten sind viele von uns. Sie sind aber nicht wichtig. Sie sind fremd und werden bis zu ihrem Tode hier fremd sein. Fremden sind keine Freunde und nicht jeder öffnet seine Türe für einem Fremden von der Straße. Ich (persönlich) habe es jeden Tag. Ich muß damit leben. Man ändert nicht uns einfach so mit einem Zauberstab. Sicherlich ist das ganze ein Thema. Ja. Das was fehlt hier noch, ist die Sicherheit für allen und jedem, vor allem für Frauen mit Kleinkindern.

  4. Willi Heuvens

    Ich habe viel gelernt von Migranten, meine heutige Persönlichkeit ist auch das Produkt von Fremden, von denen ich lernen durfte.

  5. Ichliebemeinengartenzwerg

    Ich frage mich ob die Östliche Weisheit hier nicht fehl am Platz ist. Sie kommt aus einem Text der konfuzianischen Lehre: „das große, umfassende Lernen“ (wahrscheinlich besser bekannt in einer englischen Übersetzung als „The Great Learning“).
    Gleich der allererste Paragraph redet vom Unterfangen dieser Lehre die erhabene Tugend zu zeigen, das Volk zu erneuern und in der höchsten Vollkommenheit zu verweilen.
    Das „Du“ der „Östlichen Weisheit“ ist also ganz klar der Prinz eines Reiches, oder gar der Herrscher selber. Nach der Lehre des Konfuzius geht von irgendeinem „Du“ keine Kraft aus die dem Staat und dem Volk als ganzes erneuern könnte. Wohl ist jeder Mensch gehalten seine Pflicht zu tun.
    Will man Konfuzius so wie es da steht anwenden, so betrachte man sein eigenes Reich, also den Bereich wo das eigene Handeln wirklich was ausmacht. Da soll der Mensch, will er für seine Mitmenschen was bedeuten (das wollen wird verlangt!), in sich selbst gehen und von dort aus sein Verhältnis zum Himmel, zur Erde und zu seinen Mitmenschen regeln.
    Der große Nachfolger von Konfuzius, Mencius, oder Mengtse, geht tiefer auf die Person, wo sie auch steht im Leben, oder Staat, ein. Seine „Lehre der Mitte“ bietet, bereits vom Titel an, reichlich Stoff für Nachdenken. Angesprochen wird der „Edelmensch“, um ein Wort des Tiller Märtyrers Johannes Maria Verweyen zu leihen. Nicht ein Prinz.
    Passend für diese Blogseite scheint mir XIV.5 „beim Bogenschießen haben wir etwas was dem Weg des Edelmenschen ähnlich ist. Wenn der Schütze sein Ziel verfehlt, dreht er um und sucht die Ursache des Misslingens in sich selber“.
    IV.1 gibt uns Auskunft was mit „Mitte“ gemeint ist: „Der Meister sagte: ich weiß warum man den Weg der Mitte nicht geht: die Talentierten gehen übers Ziel hinaus, diejenigen ohne Wert erreichen es nicht einmal“. Diese Talentierten aber haben zu allen Zeiten das größere Problem gebildet. Von der „Mitte“ kann man nämlich nicht sagen, sie sei erhaben, glänzend, etwas womit man sich schmücken kann. Verweyens „Edelmensch“ neigt dazu sich auf sein Edelseintum etwas einzubilden. So etwas meint Mencius nicht. Wenn man ihn, oder sie malen möchte, den Edelmenschen, muss man beim alten Rembrandt in die Schule gehen und nicht bei Rubens. Die Talentierten schauen immer hinunter, nämlich auf die gewöhnlichen Menschen die aber über lange Zeit beharrlich ihren Weg gehen. Schmärig van de modder.

  6. @artworkofhorus

    Lerne Dein eigenes Fremdsein zu lieben. Was ist das Du nicht in Dir zu Hause bist?

    @Ichliebemeinengartenzwerg

    Wenn Du Dich fragst, warum schreibst dann hier?

    Letztlich kommst Du doch zu dem gleichen Schluss. Es ist schön, wenn Du auch danach lebst.
    Vielen Dank für Deine Überlegungen..

  7. Willi Heuvens

    Heute reicht es nicht mehr, talentiert, begabt, leistungsfähig und leistungsbereit zu sein, ohne Kriecherei, ohne Ellbogen und ohne Mobbing ist es sehr schwer, beispielsweise beruflich erfolgreich zu sein.
    Wenn ich jedoch in den Künsten Ostasiens -wie Kendo, Iai-do, Judo, Aikido, Karate-do usw.- erfolgreich bin und immer noch übe, bin ich dann nicht erfolgreicher wie jemand, der im beruflichen Leben, welches vielleich 40 Jahre andauert, zu Lasten anderer Mitmenschen erfolgreich ist?

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