Tod -Trauer – Trost

Ich hockte nach der Messe in der Kirche und war dankbar und froh, dass sich gerade der seelische Sturm, der die ganze Nacht gedauert ,  in mir gelegt hatte, den ich mal  gerade wieder nicht verstand und doch so gerne verstehen wollte. Denn die Äbtissin war zwei Tage zuvor zu einer Konferenz abgefahren und dies hatte mehr die Schwestern, als mich, in Aufregung und leichte Unruhe versetzt und das Attentat auf den Papst war am Abend vorher, von allen erschrocken zur Kenntnis genommen  und ins Gebet eingeschlossen  worden.  Als ich die Kirche verließ, kam mir die Priorin, wie wie oft, aufgeregt entgegen. Sie suchte offensichtlich mich  und gab mir den Telefonhörer.  Mein Bruder E war dran und informierte mich: „F hat sich erschossen!“ „Das ist nicht wahr!“ schrie ich. „Doch er hat sich erst unter einen Lastwagen gefahren und dann erschossen!“ Ich konnte nicht mehr sprechen nur noch laut weinen und legte den Hörer auf. Die Priorin  zog mich in ihr Zimmer und betete laut ein Vaterunser nach dem anderen. Meine bange und ängstliche Frage, muss ich nach Hause fahren? entschied sie schnell und ganz spontan mit ja natürlich. Sie riet mir dann davon ab, ins nächste Chorgebet zu gehen, da dabei der Schmerz und die Emotionen nur noch heftiger würden.  Sie wollte die Schwestern nach der Non benachrichtigen und fragte mich, ob sie die Selbsttötung verschweigen sollte. Ich bat sie ausdrücklich, die ganze Wahrheit zu sagen und gehorchte ihr dankbar keine weitere Unruhe zu verursachen und begab mich ins kleine Oratorium.

Dort angekommen brach von neuem der Schmerz hemmungslos durch. Die dort anwesende  Schwester fragte mich, wie ich denn nur so entsetzlich weinen könne. Als ich ihr berichtete, dass ich gerade die Nachricht erhalten hätte, dass sich mein Bruder erschossen hat, verließ sie selber völlig verzweifelt den Raum mit der Bemerkung, wann denn Gott endlich käme, so dass ich selber in Versuchung kam, erst einmal diese Frau in ihrer Verzweiflung zu trösten und aufzurichten. Ich unterließ es, weil ich der Meinung war, das ich jetzt erst einmal ein Recht auf meine eigene Trauer hatte und auch nicht konnte.

Danach traf ich dann die Novizenmeisterin. Sie suchte mit mir einen Zug heraus und war erstaunt, dass ein Kind, wie ich, welches gerade aus der Welt kam das Kursbuch nicht lesen konnte.  Sie hatte keine Ahnung, dass ich seit meiner Studienzeit Auto fuhr und so gut wie nie auf die Bundesbahn angewiesen war,  also eben von daher keine Ahnung mit diesem Transportmittel und seinen Plänen hatte.

Dann saß ich im Zug durchgehend bis Köln und von dort dann wieder bis Arnheim. Ein weiteres Telefonat hatte erledigt, wann ich an der kleinen  Bahnstation ankommen würde, von der ich täglich mit zehn elf Jahren den Weg die 2 km nach der Schule zu Fuß nach Hause gegangen war. Es also es auch jetzt schaffen würde

Ich war mit der verzweifelten Frage bezweifelt wo jetzt F. Ich hatte doch vor einem halben Jahr schon mit Entsetzen festgestellt, dass er so nicht leben konnte, weil er sich selbst betrog und ich wusste nicht, wie ich ihm helfen konnte, da er mich nur angeschnauzt hatte. Plötzlich fiel mir ein, dass wir ja als Kinder mit dem Fahrrad durch unser Dorf gefahren sind. Er noch auf einem kleinen Kinderfahrrad und ich schon auf einem großen und uns an den Armen festgehalten haben und den Schlager von Katja Ebstein gesungen haben: „Wir wollen niemals aus einander gehen. Wir wollen immer zu einander stehen!“ Das war ein Versprechen und F hielt sein Versprechen. Meine Emotionen beruhigten sich auffallend.

Fortsetzung folgt

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Eingeordnet unter Biografisches, Christen, Emanzipation, Glaube, Leben-lieben-leiden, Trauer

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